Geschichte

Die Spiegelhalterin

Ein wegweisender Fund stammt von der Georgskirche bei Kindberg, .....
.....wo ein Römerstein eingemauert war, der herkömmlicherweise den Seitenteil eines Sarkophags darstellt. Er hat für das untere Mürztal große Bedeutung. Es könnte sein, dass auch die anderen Teile, vor allem jener mit Inschrift, beim Kirchenbau Verwendung gefunden hat. Oder es könnte sein, dass der gefunden Stein mit figuralem Flachrelief allein Bedeutung für die Erbauer hatte. Das wäre kein Sonderfall, weil viele von diesen norischen Mädchen in gleicher Darstellung an  den Mauern christlicher Kirchen ihr beschauliches Dasein fristen. Das hier verwendete Material, nämlich Rauchwacke, hat zu einer erheblichen Verwitterung geführt. Doch es stammt aus der Gegend und wurde kaum sonst wo vom Steinmetz verwendet.
Es handelt sich bei diesem gemeißelten Bildnis eines Mädchens illyrischer Abkunft mit Spiegel in der erhobenen rechten Hand. Es ist nicht anzunehmen, dass man den schweren Steinweit transportiert hat.
Gerade das Georgspatrozinium lässt vermuten, dass die Kirche über einer älteren, nicht christlichen Kultstätte errichtet worden ist. Vielleicht sind schon damals auf dem Berg Bestattungen durchgeführt worden, wie sicher in späterer Zeit. Im an die Kirche anschließenden, jetzt als Gemüsegarten dienenden Geländeteil kommen immer wieder menschliche Knochen zum Vorschein. Die Ungarische Museums- Archiv- und Bibliotheksgesellschaft in Westeuropa als zeitweiliger Besitzer der Kirche nach dem zweiten Weltkrieg hat fast vollständige Skelette freigelegt, die neben der Kirche bestattet waren.
Zurück zur römischen Teil: Nachdem die Kelten ca. zweihundert Jahre Zeit hatten, um ihre Herrschaft zu konsolidieren, wurde um das Jahr 45 nach Chr. die römische Provinz Norikum eingerichtet. Der damals unbedeutende, klimatisch für Römer kaum akzeptable Winkel ihres Herrschaftsbereiches an der unteren Mürz, scheint römische Bevölkerung kaum angezogen zu haben. Außer dem Reliefstein sind weitere römische Überreste nicht ans Licht gelangt. Vielleicht ruhen solche noch in der Kirchenmauer. Erst in der Umgebung von Bruck an der Mur sind römische Inschriften geborgen worden.
Der gefundene Votivstein kann aber doch als Zeichen gewertet werden, dass der Kindberger Raum von der Zeit der römischen Machtausübung nicht ganz unberührt geblieben ist. Ein Heiligtum auf der felsigen Erhebung könnte zentrale Bedeutung gehabt haben, ehe die erste christliche Kirche erbaut wurde. Ihr Altar überdeckt einen emporragenden Felsen; ihre Achse verläuft von Nord nach Süd – für eine christliche Kirche ungewöhnlich. Der Volksmund spricht von unterirdischen Gängen zum Kalvarienberg und zum Schloss Oberkindberg.
Diese sind trotz reger Bautätigkeit nirgends ans Tageslicht gekommen, aber man muss sie als Fiktion registrieren, weil die mündliche Überlieferung auch auf ältere mythische Vorstellungen zurückgehen kann. Es wird noch von den Beziehungen der drei genannten Orte zu reden sein.
Das norische Relief misst 0,83 m im Quadrat und ist in eine 0,25 m starke Platte gemeißelt. Über einem gefältelten Unterkleid, das bis zu den Knöcheln reicht, trägt das Mädchen ein Oberkleid, das mit großen Fibeln über den Schultern zusammengehalten wird. Der hoch angesetzte Gürtel fällt mit dem Ende als Zingulum vor dem Körper herab. All das deutet darauf hin, dass die Person als Priesterin dargestellt wurde. Man müsste übertreiben, wenn man das Gesicht als wohlgeformt bezeichnen wollte. Das Haar fällt von einem Mittelscheitel nach beiden Seiten und ist in Nackenhöhe eingerollt. Den Hals zieren Ring und Lunula (halbmondförmiger Schmuck bzw. Anhänger), wie sie viele Frauen in Norikum getragen haben. Die gekehlte Umrahmung bildet einen Bogen mit Volutenenden.

Hubert Stolla ist der Ansicht, dass man den Stein erst bei einem Umbau in die Wand der damals angebauten Sakristei eingemauert habe. Der Südabschluss sei damals weiter nach dem Süden versetzt worden, so dass ein neuer Altarraum gewonnen worden wäre. Der Altarfelsen sei bis dorthin außerhalb der Kirche gestanden. Der Reliefstein aber dürfte vorher in die Südmauer eingefügt gewesen sein.
Diese Erklärung hat viel für sich. Manche dieser norischen Mädchen sind heute noch an Kirchenmauern und Türmen zu finden. Sollten sie böse Geister abhalten? Hat man sie als gute Geister empfunden? Wollte man damit verhindern, dass die alten Götter Schaden brächten?
Das Relief stammt aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Chr. Es wird mit einem Kult der romanisierten illyrisch-keltischen Bevölkerung zu tun haben. Eine Verbreitung dieser Darstellung über ganz Norikum ist festzustellen. Eine weitere Erklärung steht noch aus.