Geschichte

Kindberger Kirchenstreit

1899 kam es zu einem entscheidenden Schritt. Der „Kindberger Kirchenstreit“ war der unmittelbare Anlass, der den „Lutherischen“ zu einer ersten Kirche im Mürztal – Mürzzuschlag – verhalf.

"Der Kindberger Kirchenstreit“ (Bericht von Pfarrer Adolf Kappus, Mürzzuschlag 1927)

Wenn man von Wien und dem Semmering her durch das Mürztal gen Süden fährt, so sieht man kurz hinter dem Bahnhof Kindberg auf halber Höhe des rechten Talhanges eine ansehnliche Kirche mit kleinem Turm. Das ist die Georgenkirche, die im Jahr 1899 in Österreich und Deutschland bekannt geworden ist durch den Streit, der um sie entbrannte. Damals gehörte sie samt dem Gut, auf dessen Boden sie steht, Herrn Humbert, einem Protestanten aus der Pfalz. Sein Eigentumsrecht an der Kirche war so unbestritten, dass er allein den Schlüssel dazu besaß. Das katholische Pfarramt des Marktes Kindberg hat aber von alters her das Recht, an sechs bestimmten Heiligentagen im Jahr eine Wallfahrt zu veranstalten und eine Messe in ihr zu lesen. Trotzdem sie anderseits über zwei Kirchen verfügt.
Kaum war ich im Juli 1899 zur Schaffung einer evangelischen Gemeinde in Mürzzuschlag eingetroffen, so wurde ich von den sehr eifrigen Protestanten Kindbergs (damals gegen 200 Seelen) aufgefordert, in der Georgenkirche Gottesdienst zu halten. Insbesonders wünschte dies der Besitzer für sich und die Seinigen, da die nächste evangelische Kirche in Graz, also 74 km entfernt sei. Die Georgenkirche wäre also dann eine Simultankirche geworden. Solche, den beiden christlichen Bekenntnissen gehörende Kirchen gibt es jah viele. (…)
Mit der schönen Erinnerung an christliches Entgegenkommen aus meiner Heimat kam ich ins Mürztal und konnte nun gleich die Probe darauf machen, ob ein solches christliches Entgegenkommen auch von der anderen Seite geübt werde. Da ich noch keinen festen Rechtsboden für meine Wirksamkeit hatte, bat ich den zuständigen Seelsorger, den 78jährigen Senior Kotschy zu Wald um sein Mitwirken. Er kam und um Mariä Himmelfahrt fand dieser denkwürdige Gottesdienst statt. Um die Gefühle der Katholiken möglichst zu schonen, verzichteten wir auf die Benutzung des Hochaltars und stellten vor ihm einen Tisch mit Kruzifix und Leuchtern auf. Ich predigte über das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, ohne alle Zähne und Hörner, so dass einer der Neuprotestanten nachher meinte, ich habe gesprochen, als ob Kindberg seit 300 Jahren evangelisch wäre.
Nachher nahm Senior Kotschy einige Übertretende auf, und der alte Herr regte sich weniger zurückhaltend auf. Es ist aber nachher von keiner Seite behauptet worden, man habe diesen Gottesdienst zu Angriffen auf die mitbesitzende Kirche benutzt.
Ein wohlweiser evangelischer Hofrat zu Wien hat mir nachher gesagt, wir hätten vorher die Zustimmung des katholischen Pfarramtes Kindberg einholen müsse. Aber das war doch wirklich von einem römischen Pfarrer zuviel verlangt. Höchstens konnten wir schweigendes Hinnehmen des fertigen Tatbestandes erwarten. Aber auch darin sollten wir uns täuschen.
Wir wurden in unserer Freude jäh gestört durch eine Vorladung vor das Bezirksgericht Kindberg: Dir r.k. Finanzprokuratur verklagte uns wegen Besitzstörung. Das Eigentumsrecht des Besitzers wurde zwar anerkannt, aber die katholische Kirche in ihrem unbestreitbaren Benutzungsrecht gestört, weil sie ihren Gottesdienst nicht in demselben Gebäude ausüben könne, in dem, wenn auch an anderen Tagen, nichtkatholische Gottesdienste stattfinden. Dadurch solche Gottesdienste werde die Kirche “entweiht“!
Bei der Gerichtsverhandlung am 27. September legte der Vertreter des katholischen Pfarramtes ein Schreiben des fürstbischöflichen Ordinariats vor, wonach dem Pfarramt die gemeinsame Benutzung der Kirche verboten sei. Demgegenüber war es unserem Rechtsanwalt ein leichtes nachzuweisen, dass die katholische Kirche da, wo es ihr nütze, recht wohl ein Auge zudrücken könne. Hauptsächlich führte er aber aus, dass für ein staatliches Gericht nur das bürgerliche Recht maßgebend sei. Auf diesen Standpunkt stellte sich dann auch der Bezirksrichter. Er wies die Klage kostenpflichtig ab, weil sie im bürgerlichen Recht keine Begründung habe. Aber bei den höheren Gerichten, beim Kreisgericht zu Leoben und beim Obersten Gerichtshof zu Wien waren andere Einflüsse und Rücksichten maßgebend. Das erstere gab der Berufung des Klägers statt und verbot bei Strafe die weitere Benutzung der Kirche. Dass unsere Berufung beim Obersten Gerichtshof keinen Erfolg haben werde, wussten wir im Voraus. Bezeichnend ist aber die Begrüßung, welche Österreichs höchste Richter ihrem Urteil gegeben haben: „Im gegebenen Fall handelt es sich um ein Verbot der dem Pfarrvorsteher von Kindberg vorgesetzten Behörde, dem sich der Pfarrer unbedingt zu fügen hat und das daher die Ausübung des öfter erwähnten Benutzungsrechtes zur Unmöglichkeit macht, wenn die Benutzung der Kirche von katholischer Seite gestattet wird.“ (…)
Für uns war die Georgenkirche verloren. Dafür stellt uns die wackere Gemeindevertretung Kindberg ihren Rathaussaal nun schon 24 Jahre lang kostenlos zur Verfügung. Ein Kirchbauplatz ist der Predigtstelle bald nachher geschenkt worden. Wann wird sich auf ihm endlich die Kirche erheben?
Der moralische Eindruck dieses Rechtspruches war bedeutend. Rechtslosigkeit der Protestanten in Österreich, Beugung der dortigen Gerichte unter römischen Spruch, so hieß es allenthalben.
Peter Rosegger hat später erklärt, dass der Verlust der Georgenkirche für ihn ein Hauptgrund gewesen sei für seine Hilfe zum Bau der Heilandskirche in Mürzzuschlag. Insofern heißt es wieder einmal: „Ihr gedachtet es böse zu machen, Gott aber hat es gut gemacht.“